In den Fußstapfen eines Verfolgten

    Mit Thomas Biesinger und Peter Hammer begann die Missionsarbeit in Österreich. 136 Jahre später dient ein Nachfahre Biesingers in Dornbirn 

    Begeistert, in Österreich zu dienen: Tade Biesinger, der Nachfahre eines der ersten Missionare in der Donaumonarchie.
    Begeistert, in Österreich zu dienen: Tade Biesinger, der Nachfahre eines der ersten Missionare in der Donaumonarchie.

    Tade Biesinger aus Bountiful, Utah geht die Straßen Dornbirns entlang, spricht mit Menschen und belehrt sie in deren Wohnungen. Er erzählt ihnen über die Wiederherstellung des Evangeliums und seinen Glauben, der den 20-Jährigen dazu bewog, sein Studium zu unterbrechen und dem Herrn zwei Jahre als Missionar zu dienen. Von der Freiheit und Selbstverständlichkeit der Meinungsäußerung und Religionsausübung hatte sein Urahn Thomas Biesinger (geboren 1844) nur geträumt. Dieser war einer der ersten Missionare auf dem Boden der Österreichisch-Ungarischen Monarchie und musste für sein Predigen sogar ins Gefängnis.

    Konferenz der Schweizer-Deutschen Mission im Jahr 1884 in Bern. Elder Thomas Biesinger ist der zweite von rechts in der ersten Reihe.
    Konferenz der Schweizer-Deutschen Mission im Jahr 1884 in Bern. Elder Thomas Biesinger ist der zweite von rechts in der ersten Reihe.

    Doch auch während der Haft teilte der damals 39-jährige Elder wie einst Apostel Paulus mit den Wärtern und Mitgefangenen sein unerschütterliches Zeugnis von der Wiederherstellung der Wahrheit, sodass er schließlich jenen Mann (den Pelzhändler Anthon Just) taufen konnte, der ihn an die Polizei verraten hatte. Gleichzeitig veröffentlichten österreichische Zeitungen Fotos von Thomas Biesinger mit der Behauptung, er sei „ein großer mormonischer Häuptling, der Menschen in die mormonische Sklaverei zwingen“ wolle.

    Nach zwei Monaten im Kerker kam Elder Biesinger wieder frei und traf seinen an Pocken erkrankten Mitarbeiter Paul Hammer gesund wieder. Ehe sie das Land verlassen mussten, tauften sie zumindest drei Personen. Obwohl die neuen Mitglieder sich selbst überlassen waren und ebenfalls verfolgt wurden, wuchs die Kirche innerhalb weniger Jahre im Osten der Monarchie, sodass hier erste Gemeinden entstanden.


    'Ich betete darum, dass Gott sich Österreichs erbarme, um das Herz des Kaisers und der Offiziere des Landes zu erweichen, auf dass (Gottes) Knechte bleiben dürften und die Freiheit bekämen, nach den im Herzen ehrlichen Menschen zu suchen.' (Thomas Biesinger, Wien 1883)


    Elder Biesinger besuchte vor seiner Abreise nach Europa noch den Salt Lake Tempel und verabschiedete sich von seiner Heimat auf gekonnt künstlerische Weise.
    Elder Biesinger besuchte vor seiner Abreise nach Europa noch den Salt Lake Tempel und verabschiedete sich von seiner Heimat auf gekonnt künstlerische Weise.

    Wie fühlt sich nun der heutige Elder Biesinger als Nachfahre eines kühnen, unerschütterlichen Pioniers?

    „Ich bin begeistert, als Missionar für die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage zu dienen. Das Evangelium mit anderen zu teilen, macht mir so viel Freude!“, sagt Tade Biesinger. „Auch ich habe ein Zeugnis von der Wahrhaftigkeit dieses Evangeliums. Ich kann ehrlich sagen, dass mir nichts mehr Glück bringt als das Wissen, dass Gott unser liebender himmlischer Vater ist, dass Jesus Christus sein Sohn ist und dass seine Kirche in den letzten Tagen auf die Erde zurückgebracht wurde. Der himmlische Vater hat uns einen perfekten Plan gegeben, um zu ihm zurückzukehren. Das Sühnopfer Jesu Christi ermöglicht es uns, wahres, dauerhaftes Glück zu erfahren. Es ist mir eine Ehre, den Menschen in der Alpenländischen Mission zu dienen. Ich betrachte es auch als zusätzlichen Segen, in dem Land zu dienen, in dem mein Ururururgroßvater mit der Evangeliumsverkündigung begonnen hat! Seine Geschichte hat mich dazu inspiriert, diese Gelegenheit nicht für selbstverständlich zu halten, sondern die gute Nachricht mit so vielen Menschen wie möglich zu teilen.“

    Elder Tade Biesinger ist der älteste von sieben Geschwistern und plant nach der Mission seinen Bachelor of Fine Arts in Tanz am Marymount Manhattan College in New York City abzuschließen und (weiterhin) professionell zu tanzen.

    Näheres zur Mission Thomas Biesingers in den Jahren 1883/1884 kann im New Era-Artikel „A Missionarys Two Months in Jail“ (November 1982) nachgelesen werden. Hier sind auch Stellen aus seinem Tagebuch zitiert. (Vgl. https://www.churchofjesuschrist.org/study/new-era/1982/11/a-missionarys-two-months-in-jail?lang=eng)