Von Anfang an vergeben

    Ein Bruder bezeugt: Es kann einem jemand Leid zufügen, ohne dass man Zorn empfindet

    Helmut Eichmeier bezeugt: Es kann einem jemand Leid zufügen, ohne dass man Zorn empfindet Norbert Willmann
    Bruder Helmut Eichmeier schrieb ein Erlebnis als Heimlehrer nieder, um seinen Brüdern im Priestertum Zeugnis über Nächstenliebe zu geben.

    von Helmut Eichmeier, Gemeinde Wels

    Ich wollte zu dem am 9. Juni in unserer Priestertumsklasse besprochenen Thema “Der Dienst der Versöhnung” etwas schreiben. Ich zeige nicht gerne auf und sage dann etwas, das ist einfach nicht meine Art.

    Ich kann Euch aber bezeugen, dass man verzeihen und vergeben kann, auch wenn es nicht leicht ist. Das heißt aber nicht, dass man sich alles gefallen lassen muss, wir leben zum Glück in einem Rechtsstaat.

    Am Mittwoch, den 17. März 1999 wollten Bruder Johann Piermayr und ich zu Schwester Luise Rotteneder zum Heimlehren fahren. Nach der Unterführung in der Römerstrasse auf Höhe der Bushaltestelle kam ein Kastenwagen auf uns zu, er gehörte zu einer Bäckerei. Der Fahrer rammte unser Auto und schob uns direkt in den haltenden Bus.

    Das Auto meines Heimlehrpartners hatte Totalschaden. Ich bin nach vorn gerutscht und habe mir den rechten Oberschenkel schwer verletzt. Ich hatte Glas, Metall und Lacksplitter im Oberschenkel. Ich bin selber noch ausgestiegen und sagte, dass der Fahrer komplett betrunken sei, aber ich war ihm nicht böse.


    Über vier Wochen musste ich im Krankenhaus bleiben und wurde siebzehn Mal operiert, dabei hätte ich fast mein Bein verloren


    Ich kam ins Krankenhaus und war von Mittwoch bis Montag im künstlichen Tiefschlaf. Über vier Wochen musste ich im Krankenhaus bleiben und wurde siebzehn Mal operiert, dabei hätte ich fast mein Bein verloren. Wir wollten eigentlich nur unseren Heimlehrbesuch machen, und mussten dabei etwas so Schlimmes erleben. Ich war diesem Autofahrer aber nie böse, auch das ist möglich. Vor der Gerichtsverhandlung kam der Mann auf mich zu und hat geweint und mich gefragt, ob ich ihm verzeihen könne. Ich habe ihm gesagt, dass ich ihm von Anfang an nicht böse war, und wir gaben uns dann die Hände und er war erleichtert.

    Ich hätte natürlich einen Grund gehabt, böse auf ihn zu sein, dieser Unfall wäre vermeidbar gewesen. Er hatte am Vormittag in der Markthalle zwei Gläser Most und am Nachmittag beim Interspar drei halbe Bier getrunken, so hatte er 1,6 Promille im Blut. Doch anstatt ihm böse zu sein, tat er mir einfach leid. Er war Witwer in Frühbension und bekam nur eine Mindestpension. Er musste 6500 Schilling Strafe, den Schaden vom Auto der Bäckerei und die Gerichtskosten zahlen, und das alles von seiner Mindestpension. Auch deshalb tat er mir leid.

    Er hat damals in der Nähe von mir gewohnt. Ich suchte bei der Haustür nach seinem Namen, weil ich ihm die Missionare schicken wollte. Aber leider konnte ich ihn nicht finden.

    So möchte ich einfach sagen: Es geht nicht um mich, es geht um Liebe. Man kann verzeihen, auch wenn es nicht leicht ist und es kann einem jemand Leid zufügen, ohne dass man Zorn empfindet. Ich musste diesem Mann gar nicht verzeihen, weil ich ihm niemals böse war.